Unser Atmen geschieht von alleine – aber atmen wir deshalb auch gut?
Die meisten Menschen machen sich über ihre Atmung kaum Gedanken. Schließlich funktioniert sie ganz automatisch – Tag und Nacht, beim Schlafen, Arbeiten, Essen oder Spazierengehen. Und genau darin liegt ein interessanter Gedanke: Automatisch bedeutet nicht automatisch optimal.
Unser Körper reguliert die Atmung weitgehend selbstständig. Gleichzeitig reagiert sie sensibel auf das, was wir erleben: auf Bewegung und Ruhe, Anspannung und Entspannung, unsere Körperhaltung, Gewohnheiten und natürlich auch auf Stress. So kann sich ein Atemmuster mit der Zeit verändern, ohne dass wir es bewusst bemerken.
„Viele Menschen suchen nach mehr Energie. Oft beginnt sie aber mit einer ruhigeren Atmung.“
Atmung ist mehr als Luft holen
Wenn wir über Atmung sprechen, denken wir häufig zuerst an Sauerstoff. Wir atmen ein, Sauerstoff gelangt über die Lunge ins Blut. Beim Ausatmen geben wir unter anderem Kohlendioxid wieder ab. Doch Atmung ist wesentlich mehr als ein möglichst großer Austausch von Luft.
Unser Organismus reguliert sehr genau, wie viel und wie häufig wir atmen. Dabei spielt nicht nur Sauerstoff eine Rolle. Auch Kohlendioxid – kurz CO₂ – ist ein wichtiger Bestandteil unserer Atemregulation.
Kohlendioxid wird häufig lediglich als „Abfallprodukt“ des Stoffwechsels betrachtet. Tatsächlich ist es unter anderem am Säure-Basen-Haushalt beteiligt und spielt eine wichtige Rolle bei der Regulation unserer Atmung. Mehr Luft zu bewegen bedeutet deshalb nicht automatisch, dass der Körper daraus einen zusätzlichen Nutzen zieht.
Kurz erklärt
- Sauerstoff ist für unseren Stoffwechsel unverzichtbar.
- Kohlendioxid ist nicht nur ein Stoffwechselendprodukt, sondern Teil wichtiger Regulationsprozesse.
- Entscheidend ist deshalb nicht möglichst viel Atmung, sondern eine Atmung, die zur jeweiligen Situation passt.
Warum wir manchmal mehr atmen als nötig
Unsere Atmung passt sich ständig an die jeweilige Situation an. Wenn wir laufen, Treppen steigen oder Sport treiben, steigt unser Stoffwechsel und die Atmung nimmt zu. Das ist sinnvoll und notwendig.
Doch nicht nur körperliche Aktivität verändert unsere Atmung. Auch Zeitdruck, Konzentration, innere Unruhe oder dauerhafte Anspannung können dazu führen, dass wir schneller oder größer atmen. Manche Menschen beginnen häufiger durch den Mund zu atmen, andere verlagern ihre Atembewegung stärker in den oberen Brustkorb.
Ein einzelner stressiger Tag ist dabei nicht das Entscheidende. Interessant wird es dort, wo aus einer kurzfristigen Anpassung allmählich eine Gewohnheit entsteht.
Was sich vertraut anfühlt, muss nicht optimal sein
Unser Körper ist erstaunlich anpassungsfähig. Wir können uns an eine bestimmte Sitzhaltung gewöhnen, an hochgezogene Schultern oder daran, beim Arbeiten den Kopf ständig ein wenig nach vorne zu schieben. Nach einiger Zeit nehmen wir diese Haltung kaum noch bewusst wahr.
Bei unserer Atmung kann etwas Ähnliches geschehen. Ein schnelleres, größeres oder stärker im oberen Brustkorb stattfindendes Atemmuster kann sich irgendwann vollkommen normal anfühlen – einfach deshalb, weil es vertraut geworden ist.
Genau deshalb beginnt Atemtraining für mich nicht damit, sofort etwas zu korrigieren. Es beginnt mit Wahrnehmen.
Mehr Luft ist nicht automatisch besser
Eine Vorstellung begegnet mir dabei immer wieder: „Wenn ich mich besser mit Sauerstoff versorgen möchte, muss ich besonders tief atmen.“ Das klingt zunächst logisch.
Unter normalen Bedingungen ist das Blut bereits zu einem hohen Anteil mit Sauerstoff gesättigt. Einfach immer mehr Luft einzuatmen bedeutet deshalb nicht, dass den Geweben entsprechend immer mehr Sauerstoff zur Verfügung steht. Gleichzeitig kann eine über den Stoffwechselbedarf hinaus gesteigerte Atmung dazu führen, dass vermehrt Kohlendioxid abgegeben wird.
Deshalb interessiert uns bei funktioneller Atmung nicht nur die Frage „Wie tief kann ich atmen?“, sondern ebenso: „Wie viel Atmung benötigt mein Körper in diesem Moment tatsächlich?“
Das ist ein kleiner, aber entscheidender Perspektivwechsel. Atemtraining bedeutet dann nicht zwangsläufig, größere Atemzüge zu produzieren. Manchmal besteht die eigentliche Fähigkeit darin, weniger eingreifen zu müssen.
Wie sieht eine ruhige Atmung aus?
Es gibt nicht das eine Atemmuster, das in jeder Situation richtig ist. Atmung muss flexibel sein: Beim Sport darf und muss sie anders aussehen als beim Einschlafen, beim Lachen anders als beim Lesen und unter Belastung anders als in Ruhe.
Gerade deshalb lohnt sich zunächst die Beobachtung der eigenen Ruheatmung. Sie ist häufig eher leise und unauffällig. Die Nase übernimmt überwiegend die Atmung, und die Atembewegung muss nicht ausschließlich im oberen Brustkorb stattfinden. Auch Zwerchfell, Rippen und Rumpf sind an der natürlichen Atembewegung beteiligt.
Dabei geht es nicht darum, sofort eine bestimmte Atemform herzustellen. Denn je intensiver wir versuchen, „richtig“ zu atmen, desto eher machen wir aus einem weitgehend automatischen Vorgang eine neue Aufgabe.
🔎 Probier es einmal aus
Verändere für einen Moment nichts. Setz dich bequem hin und beobachte einfach einige Atemzüge:
- Atmest du überwiegend durch die Nase oder durch den Mund?
- Ist deine Atmung hörbar oder eher still?
- Wo spürst du die Atembewegung – eher oben im Brustkorb, an den Rippen oder tiefer im Rumpf?
- Wirkt deine Atmung ruhig oder eher beschäftigt?
- Gibt es zwischen den Atemzügen kleine natürliche Ruhephasen?
Und vielleicht die spannendste Frage: Hast du beim Beobachten sofort das Bedürfnis, deine Atmung zu verändern?
Du musst daraus noch nichts ableiten. Erst einmal geht es nur darum, wahrzunehmen.
💬 Meine Erfahrung
In meiner Arbeit und auch auf meinem eigenen Weg mit der Atmung begegnet mir immer wieder dieselbe Vorstellung: Ein „guter“ Atemzug müsse besonders groß und tief sein. Genau das dachte ich früher ebenfalls. Wenn irgendwo „Atemübung“ stand, war mein erster Impuls: mehr Luft holen, den Brustkorb öffnen, möglichst tief einatmen.
Heute sehe ich Atmung deutlich differenzierter. Natürlich gibt es Situationen und Atemübungen, in denen bewusst größere Atembewegungen eingesetzt werden. Eine ruhige Alltagsatmung folgt jedoch anderen Anforderungen als eine bewusst ausgeführte Atemtechnik.
Für mich liegt darin einer der spannendsten Aspekte der Atemarbeit: Nicht jeder Fortschritt entsteht dadurch, dass wir mehr tun. Manchmal beginnt Veränderung dort, wo wir erst einmal wieder lernen, wahrzunehmen, was unser Körper ohnehin tut.
Atemtraining beginnt mit Neugier
Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke für den Einstieg in die Welt der Atmung: Du musst deine Atmung nicht sofort verbessern. Du kannst sie zunächst kennenlernen.
Beobachte einmal, wie sich deine Atmung im Tagesverlauf verändert: morgens nach dem Aufstehen, unter Zeitdruck, bei körperlicher Aktivität, beim konzentrierten Arbeiten oder kurz bevor du einschläfst.
Atmung ist kein starres System. Sie reagiert fortlaufend auf unser Leben. Wer beginnt, diese Veränderungen wahrzunehmen, entwickelt nach und nach ein besseres Verständnis dafür, welche Atemmuster zur jeweiligen Situation gehören – und welche vielleicht einfach nur sehr vertraut geworden sind.
Genau dort setzt für mich Atemtraining an: nicht beim perfekten Atemzug, sondern beim bewussteren Verständnis der eigenen Atmung.
📘 Begriffe aus diesem Beitrag
Einige Begriffe aus diesem Beitrag kannst du im Breathe-Wise Atemlexikon gezielt vertiefen:
- Funktionelle Atmung – Einordnung eines situationsgerechten und ökonomischen Atemmusters.
- Kohlendioxid (CO₂) – warum CO₂ für Stoffwechsel und Atemregulation mehr ist als nur ein „Abfallprodukt“.
- Atemfrequenz – wie häufig wir innerhalb einer bestimmten Zeitspanne atmen.
- Zwerchfell – der zentrale Atemmuskel und seine Rolle in der Atembewegung.
- Atemmuster – wie sich Atmung in Ruhe, unter Belastung und durch Gewohnheiten verändern kann.
Möchtest du deine Atmung genauer kennenlernen?
Der Breathe-Wise Atemmuster-Check hilft dir dabei, dein eigenes Atemmuster Schritt für Schritt wahrzunehmen und besser einzuordnen.
Dieser Beitrag und der Atemmuster-Check dienen der allgemeinen Wissensvermittlung und Körperwahrnehmung. Sie stellen keine medizinische Diagnose oder Therapie dar. Anhaltende oder ungeklärte Atembeschwerden sollten medizinisch abgeklärt werden.
