Was verstehe ich unter Atemtraining?
Die meisten Menschen stellen sich wahrscheinlich eine ganz einfache Frage: „Warum sollte ich meine Atmung trainieren? Ich atme doch bereits.“
„Die moderneren Menschen entwickelten die miserabelste Atmung der Geschichte.
Keiner atmet schlechter im Königreich der Tiere.“
James Nestor, Autor des Bestsellers „Breath“
Und genau das stimmt. Atmen ist etwas, das unser Körper ganz automatisch übernimmt. Tag und Nacht, ganz autonom ohne unser Zutun und ein Leben lang. Doch automatisch bedeutet nicht automatisch optimal. Unser Körper kann zwar ein Leben lang atmen und irgendwie funktionieren, ohne deshalb aber optimal an seine eigenen Bedürfnisse angepasst zu sein. Vor allem nicht in einer Welt, die von Stress, Zeitdruck und ständiger Reizüberflutung geprägt ist.
Unser Körper und der Atem reagieren auf alles, was wir erleben. Auf Stress, Belastung, Zeitdruck, Ängste, Gewohnheiten und unseren Lebensstil. Über Jahre hinweg kann sich dadurch ein Atemmuster entwickeln, das zwar irgendwie „funktioniert“, aber längst nicht mehr dem entspricht, was unser Körper eigentlich anstreben würde – seine eigene Balance, die Homöostase. Unser Körper will für uns vor allem eines: überleben. Wie er dieses Ziel erreicht, ist ihm zunächst zweitrangig. Dafür geht er Kompromisse ein, passt sich an und kompensiert.
Oft funktioniert diese Kompensation über Jahre hinweg erstaunlich gut. Irgendwann kann sich jedoch zeigen, dass bestimmte Ausgleichsmuster nicht mehr gut tragen — zum Beispiel durch mehr Anspannung, Unruhe oder das Gefühl, nicht mehr frei zu atmen.
Unter Anspannung atmen wir häufig schneller, flacher und oft durch den Mund. Die Atmung verlagert sich in den Brustkorb, wird unruhiger, uneffektiver und verliert ihre natürliche Balance. Geschieht das über Wochen, Monate oder Jahre hinweg, wird daraus ein neues Normal – der Körper stellt sich darauf ein und wir halten unsere Stressatmung für unsere natürliche Atmung.
Ähnlich wie ein Muskel, der lange nicht bewusst genutzt wurde, kann auch die Atmung aus ihrer natürlichen Balance geraten. Durch gezielte, individuelle Atemübungen und neue Atem-Erfahrungen lernen wir Schritt für Schritt, wieder ruhiger, bewusster und funktioneller zu atmen.
Warum trainieren Menschen ihre Atmung?
Die wenigsten Menschen beschäftigen sich aus Neugier mit ihrer Atmung. Meist gibt es einen Anlass. Manche Menschen fühlen sich dauerhaft gestresst oder angespannt. Andere kommen, weil sie schlecht schlafen, sich oft angespannt fühlen, mit asthmaähnlichen Beschwerden, Panik, Bluthochdruck oder innerer Unruhe zu tun haben — und besser verstehen möchten, welche Rolle ihr Atemmuster dabei spielen kann.
Andere möchten ihre sportliche Leistungsfähigkeit verbessern oder ihre Regeneration unterstützen. Wieder andere interessieren sich für bewusstseinserweiternde Erfahrungen durch intensive Atemmethoden wie das holotrope Atmen.
„Atemtraining bedeutet für mich nicht, etwas Neues zu lernen.
Es bedeutet, sich an etwas zu erinnern, das bereits in uns angelegt ist.“
Welche Formen von Atemtraining gibt es?
Atemtraining – oder im Englischen oft auch Breathwork genannt – ist kein einzelnes System und keine klar abgegrenzte Methode. Es ist vielmehr ein Sammelbegriff für die unterschiedlichsten Formen der Atemarbeit.
Heute treffen jahrtausendealte Traditionen auf moderne Biohacking-Trends, wissenschaftliche Erkenntnisse auf Social-Media-Versprechen und fundierte Ausbildung auf Halbwissen. Atemtechniken werden gerne als Wundermittel für Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Stressabbau oder Bewusstseinserweiterung vermarktet. Dabei wird häufig vergessen, dass Atemübungen tief in körperliche und psychische Prozesse eingreifen können.
Es gibt die unterschiedlichsten Ansätze, Traditionen und Zielsetzungen. Manche Methoden arbeiten mit intensiven Atemtechniken und bewusst veränderter Physiologie. Andere setzen auf Ruhe, Regulation und die Wiederherstellung natürlicher Atemmuster.
Der Atem ist ein kraftvolles Werkzeug. Genau deshalb sollte verantwortungsvoll mit ihm gearbeitet werden. Für mich gehört dazu, immer den gesundheitlichen, körperlichen und psychischen Zustand eines Menschen zu berücksichtigen. Nicht jede Atemtechnik ist für jeden Menschen geeignet.
So kann beispielsweise eine intensive Atemmethode bei einem gesunden Menschen gut funktionieren, während dieselbe Übung bei Asthma, Bluthochdruck, Panikstörungen oder anderen Vorerkrankungen mit deutlich mehr Vorsicht betrachtet werden sollte.
Genau deshalb halte ich wenig davon, Atemtechniken pauschal als gut oder schlecht zu bewerten. Die eigentliche Frage lautet für mich nicht:
Welche Methode ist die beste?
Sondern:
Welche Methode passt zu welchem Menschen,
zu welchem Ziel und zu welcher aktuellen Situation?
Denn die Ziele können sehr unterschiedlich sein. Der Leistungssportler möchte seine Belastbarkeit und Ausdauer verbessern. Der Freitaucher möchte länger mit wenig Sauerstoff und hoher CO₂-Toleranz auskommen. Der Yoga-Praktizierende sucht vielleicht mehr Konzentration, innere Ruhe oder spirituelle Erfahrungen. Andere Menschen möchten besser schlafen, Stress früher bemerken oder bei Themen wie Asthma, Hyperventilation oder chronischer Anspannung bewusster mit ihrer Atmung umgehen lernen.
Entsprechend haben sich im Laufe der Zeit viele unterschiedliche Ansätze entwickelt:
- Atemarbeit im Yoga (Pranayama)
- Breathwork (im Sinne der Überatmung)
- Atemtechniken aus dem Sport
- Atemtraining für Freitaucher (Apnoe)
- Atemtraining und Atemschulung, z. B. Buteyko-Atemtraining
- Entspannungs- und Meditationstechniken
Jeder dieser Ansätze verfolgt eigene Ziele und setzt unterschiedliche Schwerpunkte. Im Laufe der Jahre habe ich einige dieser Formen kennengelernt und ausprobiert.
Heute liegt mein Schwerpunkt vor allem auf funktioneller Atmung und der Buteyko-Methode. Nicht weil ich sie für die einzig richtige Methode halte, sondern weil sie für viele Menschen einen sanften, sicheren und alltagstauglichen Zugang zur Atemarbeit bietet.
Drei Dinge, die ich dir mitgeben möchte
Wenn ich alles Wissen über Atmung auf drei einfache Gedanken reduzieren müsste, wären es diese:
1. Nutze die Nase als deinen natürlichen Atemweg.
Die Nase ist weit mehr als nur ein Luftkanal. Sie filtert, erwärmt und befeuchtet die Atemluft und unterstützt zahlreiche wichtige Prozesse im Körper.
2. Atme sanft mit dem Zwerchfell.
Viele Menschen atmen überwiegend in den Brustkorb, ohne das Zwerchfell bewusst mitzunutzen. Dadurch können unnötige Anspannung und ineffiziente Atemmuster entstehen.
3. Gute Atmung ist kein Kraftakt.
Gesunde Atmung fühlt sich meist ruhig, leicht und unauffällig an. Sie ist kein permanentes „tief Durchatmen“, sondern Ausdruck eines inneren Gleichgewichts zwischen der Ein- und Ausatmung.
Atemtraining bedeutet für mich nicht, mehr Luft oder Sauerstoff in den Körper zu bringen. Es bedeutet, den Atem wieder in seine natürliche Balance zurückzuführen. Und manchmal beginnt genau dort eine Veränderung, die auch Körpergefühl, Ruhe und Alltag spürbar beeinflussen kann.

