Gemütlicher Yogaraum mit Matten, Kissen und Hilfsmitteln, warmem Kerzenlicht und weitem Meerblick bei Sonnenuntergang.

Yoga

Was verstehe ich heute unter Yoga?

Wenn heute von Yoga gesprochen wird, denken viele Menschen zunächst an Körperhaltungen, Beweglichkeit, Dehnung oder vielleicht auch an Entspannung. Und tatsächlich war genau das vor über 20 Jahren auch mein erster Zugang zum Yoga.

Damals hing in einer Apotheke ein Flyer für einen Yogakurs in Hamminkeln. Ich betrieb zu dieser Zeit intensiv Kraft- und Kampfsport und dachte mir, Yoga könnte eine sinnvolle Ergänzung sein, um meine Muskeln und Gelenke beweglich und elastisch zu halten.

Was ich damals allerdings noch nicht ahnte: Yoga würde mich über die nächsten zwei Jahrzehnte auf eine Reise mitnehmen, die weit über die körperliche Beweglichkeit hinausgeht.

Lass mich deshalb ein wenig erzählen,
wie sich mein persönlicher Blick auf Yoga verändert hat.


Vom Leisten zum Wahrnehmen

Zu Beginn war Yoga für mich vor allem eines: eine weitere Möglichkeit, an meinem Körper zu arbeiten.

Was vorher im Fitnessstudio stattfand, verlagerte sich teilweise auf die Yogamatte. Ich wollte weiterkommen, beweglicher werden, anspruchsvollere Asanas meistern. Neben dem klassischen Hatha Yoga probierte ich auch Ashtanga Yoga aus – dynamisch, fordernd und für mich willkommen leistungsorientiert.

Rückblickend muss ich darüber manchmal schmunzeln. Denn das Ego, das ich aus dem Kraftsport kannte, hatte ich einfach mit auf die Yogamatte genommen.

Glücklicherweise hatte ich mit Dagmar Holsteg in Wesel eine Yogalehrerin, die mich immer wieder daran erinnerte, dass Yoga mehr sein kann als das Erreichen der nächsten Körperhaltung.

2014 kam die Meditation hinzu. Zunächst als eigenständiges Interesse und schließlich mit meiner Ausbildung zum Meditationslehrer.

Gleichzeitig begann ich, mich intensiver mit dem Yoga-Sutra des Patanjali, dem achtgliedrigen Yogapfad und den philosophischen Grundlagen des Yoga zu beschäftigen. Auch das Rezitieren von Mantren eröffnete mir einen anderen Zugang.


Wenn Körper und Atem sich begegnen

Ein weiterer Meilenstein war 2022 meine Yogalehrerausbildung in der ViniyYoga-Tradition nach R. Sriram und T. K. V. Desikachar, dem Sohn von T. Krishnamacharya.

Durch meine Lehrerin Birgit Kloosterboer an der Yoga Ayurveda Akademie in Krefeld lernte ich einen Zugang kennen, der vieles von dem veränderte, was ich bis dahin unter Yogapraxis verstanden hatte.

Plötzlich ging es nicht mehr darum, möglichst tief in eine Haltung hineinzukommen oder eine anspruchsvolle Bewegungsfolge zu meistern. Es ging um die Verbindung von Bewegung, Atem und Wahrnehmung.

Im ViniyYoga werden Bewegungen bewusst mit dem Atem koordiniert. Manchmal sind sie groß, manchmal minimal. Manchmal entsteht aus einer einfachen Bewegung eine intensive Wahrnehmung, ohne dass wir körperlich besonders viel leisten müssen. Und manchmal wird aus der Bewegung beinahe von selbst eine Meditation.

2024 unterrichtete ich Yoga in einem Surfcamp in Portugal. Dort begegnete mir wiederum eine ganz andere Form der Praxis. Die Teilnehmer kamen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen, körperlichen Belastungen und Erwartungen. Schulter, Nacken, Rücken – nach einigen Tagen auf dem Surfbrett machte sich so manches bemerkbar.

Hier rückten die Körperarbeit, die Beweglichkeit und die individuelle Anpassung wieder stärker in den Vordergrund. Und gerade diese unterschiedlichen Erfahrungen haben meinen heutigen Yogaunterricht geprägt.


Traumasensibles Yoga – ein Rendezvous mit dir selbst

Seit einiger Zeit beschäftigt mich zunehmend die traumasensible Herangehensweise an Yoga. Dabei geht es mir nicht darum, Yoga zu einer Therapie zu machen. Vielmehr interessiert mich eine Frage, die im Grunde schon immer zum Yoga gehört:

Wie ehrlich nehme ich eigentlich wahr, was gerade in meinem Körper geschieht?
Wie weit möchte mein Ego gehen – und was lässt mein Körper tatsächlich zu?

Ich kenne beide Seiten aus eigener Erfahrung.

Heute möchte ich in meiner Praxis deshalb mehr Raum für das Wahrnehmen schaffen. Für das Hineinspüren, für die kleinen Veränderungen im Körper, für den Atem und auch für die Möglichkeit, eine Übung jederzeit anzupassen oder einfach sein zu lassen.

Ich nenne das gerne ein Rendezvous mit Körper und Atmung.

Ein Rendezvous, bei dem wir nicht unbedingt etwas erreichen müssen. Sondern zunächst einmal kennenlernen dürfen, was gerade da ist. Und genau hier schließt sich für mich der Kreis zur Atemarbeit. Denn unser Atem findet nicht unabhängig vom Körper statt. Muskelspannung, Haltung, Beweglichkeit, emotionale Zustände und unser Nervensystem stehen in Wechselwirkung mit unserer Atmung. Umgekehrt beeinflusst auch die Art, wie wir atmen, unsere Körperwahrnehmung und unser Erleben.

Körper und Atem gehören für mich zusammen. Nicht als zwei getrennte Trainingsbereiche, sondern als Ausdruck eines gemeinsamen Geschehens.


Was mir als Yogalehrer wichtig ist

Wenn ich heute Yoga unterrichte, geht es mir nicht darum, eine bestimmte Yogarichtung durchzusetzen oder möglichst viele Asanas in einer Stunde unterzubringen.

Natürlich dürfen wir uns bewegen, kräftigen, dehnen und auch einmal körperlich herausfordern.Aber ich möchte, dass dabei die Wahrnehmung nicht verloren geht.

Dass du lernen kannst, zwischen einer sinnvollen Herausforderung und dem Überschreiten deiner eigenen Grenzen zu unterscheiden. Dass du deinen Atem nicht nur als Begleiter der Bewegung wahrnimmst, sondern vielleicht auch als einen Zugang zu dir selbst. Und dass Yoga nicht mit dem Zusammenrollen der Matte endet.

Im achtgliedrigen Pfad des Patanjali finden wir neben Asana und Pranayama auch ethische Grundhaltungen, Selbstbeobachtung, Konzentration und Meditation. Für mich sind das keine voneinander isolierten Techniken, sondern unterschiedliche Aspekte einer gelebten Praxis.

Vor Kurzem begegnete mir ein Satz:

Yoga ist nicht alles, aber alles kann Yoga sein.

Dieser Gedanke beschreibt ziemlich gut, wie ich Yoga heute verstehe. Nicht als eine besondere Leistung, nicht als eine perfekte Körperhaltung und auch nicht als eine Rolle, die ich einnehmen muss. Sondern als eine Möglichkeit, immer wieder in Verbindung zu kommen – mit meinem Körper, meinem Atem und dem Leben, das gerade stattfindet.

Und solange ich atme, kann ich Yoga praktizieren.